Englands Hauptstadt ist eine echte Touristenmetropole. Das ist der erste Eindruck, der sich dem Besucher aufdrängt, sobald er in die Stadt kommt. Das Problem an echten Touristenmetropolen liegt in dem Umstand, dass auch andere Touristen darüber bestens Bescheid wissen. Und so quellen die Straßen über vor Menschen – egal ob am Tage oder bei Nacht. Besonders im Stadtzentrum kann man nicht mit dem Arm ausholen, ohne Gefahr zu laufen, irgendjemanden zu treffen. In der Weltstadt Berlin sieht dieses Bild oft ganz anders aus. Vor allem spät am Abend, wenn in London das Leben tobt und sich Angestellte, Banker, Verkäuferinnen und – natürlich – Touristen vor den Pubs auf ein Bier treffen, kann man mitten im Berliner Zentrum einen Stein in eine beliebige Richtung werfen, ohne überhaupt irgendetwas zu treffen! In dieser Beziehung hat Berlin noch einiges aufzuholen.
Wenn man einmal darüber nachdenkt, gibt es viele Gründe für einen Besuch in London. Nicht nur, dass uns mit den Engländern historische Ähnlichkeiten verbinden, die bis weit in vorchristliche Zeit hinausgehen. Mit London lassen sich viele Dinge assoziieren: die Beatles, Mr. Bean, Monty Python, Agatha Christie, Benny Hill und die Queen, aber auch Jack the Ripper und Sherlock Holmes. Und nicht zu vergessen natürlich das mondäne Lebensgefühl, das man den Engländern so nachsagt - von dem London heute allerdings fast ebenso weit entfernt ist wie jede andere Metropole der Welt.
Dem Touristen hat die Londoner Innenstadt jede Menge zu bieten: Einkaufsstraßen, zum Beispiel, die dieser Bezeichnung noch würdig sind und in denen sich ein kleiner Laden an den anderen reiht, jeder für sich einzigartig und die meisten überaus erkundenswert. Hinzu kommt die gewachsene Architektur der Stadt, die an kaum einer Stelle durch eine Bausünde oder den Profilierungsversuch eines modernen Architekten gestört wird. London lädt zum Spazieren ein – auch wenn man darauf nicht angewiesen ist.
Und so kann man sich der Aussage des Literaten Samuel Johnson nur anschließen, der einst sagte: »Wenn du Londons müde bist, dann bist du des Lebens müde, denn in London gibt es alles, was das Leben bieten kann.«
Unsere Anreise fiel – besser hätte es gar nicht passen können – auf einen regnerischen Donnerstag Nachmittag. Der Flug verlief problemlos, ohne Bombendrohungen oder vermeintliche Patronenhülsen in Alex' Tasche, die das Einchecken zu einer langwierigen Prozedur hätten werden lassen. Vor dem Flughafen in Stanstead warteten bereits die Shuttle-Busse, um uns in die Innenstadt zu verfrachten. In bester Vorbereitung hatten wir uns unsere Shuttle-Tickets bereits im »British Council« in Berlin für 25 Euro besorgt. Aber auch die Buchung vor Ort wäre problemlos gewesen. Es gibt verschiedene Anbieter, die den Bus-Transfer vom Flughafen in die Innenstadt besorgen. Die Fahrt kostet – in eine Richtung – in der Regel 8 Pfund, oder 12 Euro.
Die Fahrt mit dem Bus in die Innenstadt nimmt etwa zwei Stunden in Anspruch, von denen sich die erste fast ausschließlich auf der Autobahn abspielt, die zweite dann aber durch die Londoner Vorstadt mit ihren hübschen, typisch englischen Behausungen aufgelockert wird. Wer es schneller möchte, kann auch den Zug nehmen – was dann allerdings mit stolzen 40 Euro zu Buche schlägt.
Das Ziel unserer Reise war die Victoria Station mitten im Herzen von London. Hier befindet sich unser Hotel, mit welchem wir unbewusst eine kleine Tradition fortsetzten: Nach »Christina« in Rom und »Victoria« in Malta richteten wir es uns hier in »Elisabeth« häuslich ein. In bester Nachbarschaft übrigens. Nur 2 Türen weiter hatte Winston Churchill die Jahre 1909 bis 1913 verbracht. Direkt vor unserer Tür liegt ein kleiner, gemütlicher Park, dessen Erholungswert allerdings eher theoretischen Charakter besitzt, da er, wie viele dieser Anlagen in London, verschlossen ist und nur privat genutzt werden darf.
»Elisabeth« selbst ist urgemütlich. Alles ist sehr sauber und sehr geschmackvoll eingerichtet, wenn auch der Hausherr eine gewisse Vorliebe für die besseren Tage der englische Marine zu pflegen scheint, wie die vielen Bilder und Stiche an den Wänden bekunden. Unser Zimmer ist sehr klein, mit 98 Pfund (ca. 150 EUR) pro Nacht allerdings für hiesige Verhältnisse und die gute, zentrale Lage vernünftig ausgepriesen. Der Aufenthalt hier dürfte sich jedoch nur für das Frühjahr oder den Herbst empfehlen: im Winter würde das Duschen zur echten Überwindungsprobe, da sie über ein Lauwarm oft nicht hinaus kommt und im Hochsommer dürfte einem der Umstand zu schaffen machen, dass sich das Fenster nur einen Spalt breit aufschieben lässt und sich eine »begrenzte Anzahl von Klimageräten« nur gegen den Aufpreis von stolzen 10 Pfund pro Tag beschaffen ließe. Dennoch ist »Elisabeth« sehr empfehlenswert und wir haben uns im Hotel überaus wohl gefühlt. Nicht nur wegen des sprechenden Fahrstuhls, der jede Etage mit einer freundlich weiblichen Stimme ankündigt. Das Hotel verfügt über einen kleinen Tea Room mit gemütlichen Sesseln, Sofas und dem schon beinahe unvermeidliche Kamin. Das Frühstück ist, gemessen an den lokalen Gegebenheiten, hervorragend. Es gibt ein Buffet, an dem man sich je nach Hunger beliebig bedienen kann. In englischen Hotels nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit.
Was sich als wahrer Vorteil des Hotels erwies, war seine sehr zentrale Lage. Der Buckingham Palace und viele kleine, gemütliche Pubs liegen fast in direkter Nachbarschaft - und die riesige Victoria Station mit zahlreichen Einkaufs- und Essmöglichkeiten ist nur 5 Minuten Fußweg entfernt. Besonders an Tagen, die von ausgedehnten Streifzügen geprägt sind, ein wahrer Segen!
Die Preise hier in London sind unverschämt hoch! Ein einfaches Bus- und Bahn-Ticket kostet stolze 2 Pfund (oder 3 Euro). Günstiger ist da die »Travellers Card«, die 35 Euro kostet und einen eine Woche lang überall hin bringt. Der Haken: Die Karte wird in London selbst nicht mehr verkauft - sie ist nur noch im Ausland zu haben. Wer sich erst hier um sein Fortkommen kümmert, sollte sich die »Oyster Card« ansehen - eine Art Smart Card, die sich sowohl im Bus als auch in der U-Bahn nutzen lässt. Die Karte wird von nahezu allen Londonern verwendet und hat überzeugende Vorteile: So reduziert sich der Fahrpreis bei Verwendung der »Oyster Card« innerhalb der Stadt von 2 Pfund auf 1 Pfund pro Strecke. Hinzu kommt, dass es ein Tageslimit von 3 Pfund gibt. Wird dieser Betrag erreicht, werden weitere Fahrten, die an diesem Tag unternommen werden, nicht mehr berechnet.
Ausgehungert wie wir nach unserer Anreise waren, nahmen wir unsere erste Mahlzeit in der Victoria Station ein. Im oberen Geschoss gibt es einenen »Food Court« mit verschiedenen Anbietern – Pizzerien, Chinesen, Sandwich Shops, Fish & Chips und natürlich Mac Donalds. Außerdem gibt es hier einen sehr günstigen »All-You-Can-Eat« für 5,90 Pfund. Hier werden Pizza, Pasta und verschiedenste Salate serviert und man kann sich solange bedienen, bis man satt ist. Wer es gern etwas britischer hätte, sollte abends unbedingt in einem der jetzt rauchfreien Pubs einkehren. Die servieren neben Bier und Whiskey auch Fish-and-Chips und andere lokale Spezialitäten, wie zum Beispiel einen sehr leckeren »Ham Pie«. Und die urbritische Athmosphäre gibt's gratis dazu!
Zum Abschluss des Tages schmiedeten wir unsere Pläne für den Rest des Urlaubs und ließen uns vom ausschließlich englischen TV-Programm berieseln, welches dem deutschen Pendant allerdings qualitativ keinen Zacken aus der Krone brechen kann.
Unser erster Tag in London fiel sonniger aus als es zunächst den Anschein haben sollte. Bereits gegen Mittag hatten wir unseren ersten Sonnenbrand, der uns die restlichen Tage hartnäckig begleitete. Auf dem Tagesprogramm stehen Westminster Abbey, das House of Parliament und der Tower of London. Westminster war schnell gefunden, obwohl wir uns als unbedarfte Touristen zunächst gar nicht sicher waren, welches der ansehnlichen Gebäude am Parliament Sqaure nun die Abbey war und welches das Parlament. Von dem kennt man zumeist nur die der Themse zugewandte Fassade, die sich von der rückwärtigen Ansicht deutlich unterscheidet. Ein größeres Polizeiaufgebot und massive Absperrungen gaben dann aber doch deutliche Hinweise: Im Parlament wurde gerade eine Sitzung abgehalten und so blieb dem normalen Volk der Einlass ins Haus verwehrt.
Um der Hitze zu entkommen und unseren weiteren Tag zu planen, kehrten wir in einem gemütlichen kleinen Café ein, das sich gleich neben der Abbey befindet. Hier gab es neben kalten Getränken und Kaffee aus dem Automaten auch Andenken und CDs mit sakralen Chören zu kaufen.
Gestärkt und abgekühlt machten wir uns dann mit der Metro auf den Weg zum Tower. Die Metro-Verbindungen in London sind übrigens sehr leicht zu durchschauen - selbst für Touristen. Viele verschiedene Strecken gibt es ohnehin nicht und die, die es gibt, sind ausgezeichnet beschildert. So muss man sich schon wirklich Mühe geben, um sich ernsthaft zu verfahren. Von Westminster Abbey zum Tower gibt es eine direkte Verbindung, so dass man unterwegs nicht umsteigen muss.
Den Tower von London sollte man sich übrigens nicht entgegen lassen - trotz des saftigen Eintrittspreises von 16 Pfund pro Nase. Trotz des Aufpreises von etwas mehr als 3 Pfund sollte man übrigens auf einen Audio Guide nicht verzichten. Der Tower an sich ist sehr spärlich beschildert, um es gelinde auszudrücken und die kostenlos erhältlichen Karten geben lediglich Auskunft über den Standort der jeweiligen Sehenswürdigkeiten – sie verraten aber nichts über deren historischen Hintergrund. Ohne eine geführte Tour oder einen Audio Guide wandert man also ziemlich ratlos durch die riesige Anlage und verpasst so manche interessante Anekdote. Die geführten Touren werden von den »Beef Eaters« angeboten und stellen wohl die spannendste und humorvollste Art und Weise dar, den Tower Of London zu entdecken.
Sehr positiv fiel uns auf, dass man sich im gesamten Gelände nahezu frei bewegen kann, ohne auf vorgeschriebene Pfade oder abgesperrte Wege beschränkt zu sein. Sogar fotografieren ist erlaubt, was in historischen Gemäuern nicht unbedingt selbstverständlich ist. So kann man das gesamte Areal nach Herzenslust durchforschen.
Der Tower of London ist in einem ausgezeichneten Zustand und vermittelt einen sehr anschaulichen Eindruck von seiner wechselhaften Geschichte. Mit Karte und - idealerweise - einem Audio Guide bewaffnet, erklimmt man enge Wendeltreppen, Verliese, Türme und schön hergerichtete ehemals königliche Gemächer. Mit der nötigen Ruhe und belastbaren Füßen ausgestattet, kann man im Tower gut einen Tag verbringen, ehe man sich alle Details angesehen hat. Und wer genügend Zeit zur Verfügung hat, der sollte das auch tun.
Nachdem wir den Tower hinter uns gebracht hatten, knurrte uns wieder der Magen und das Bett im Hotelzimmer lockte mit wohlverdienter Entspannung. Also machten wir uns erst einmal wieder auf den Weg zur Victoria Station, um einen Happen zu essen und uns dann bis zum Abend auf's Ohr zu legen.
London verfügt über einen recht übersichtlichen Nightlife- und »Rotlichtbezirk«, der sich in Soho befindet, und nahezu direkt an China Town angrenzt. Hier gibt es jede Menge einladende Bars (samt weniger einladender Türsteher), Restaurants, Pubs und kleine Shops, die Souvenirs und allerlei Besonderheiten verkaufen. Wir kamen zufällig an einem Laden vorbei, der sich ausschließlich an Cineasten richtet und vom Kühlschrankmagneten über Fotografien bis hin zu Postern und anderem Sammelsurium so ziemlich alles anbot, was das Herz von Filmfreunden höher schlagen lässt - und das zu erstaunlich günstigen Preisen!
Das Londoner China Town kann man sich ansehen - muss man aber nicht. Manche Stadtteile Berlins bieten eine ähnliche Dichte von China-Restaurants und mehr als die gibt es hier eigentlich nicht. Allerdings ist China Town auch nicht mehr als eine etwa 300 Meter lange Straße, die man gewissermaßen im Vorbeigehen mitnehmen kann. In China Town, genauer gesagt in einem Restaurant mit chinesischem Büfet, nahmen wir unser Abendessen ein. Die Auswahl an verschiedenen Gerichten ist sehr groß und schließt selbst Riesengarnelen ein, die man allerdings selbst auseinanderpulen muss, während sie einen vermeintlich vorwurfsvoll mit ihren Stielaugen anstarren. Der einzige Haken dieses ansonsten empfehlenswerten Restaurants war der Teppich, der besonders an warmen Tagen sehr deutlich und mit Nachdruck nach alten Socken roch und das Geschmackserlebnis nicht unbeträchtlich beeinflusste.
Zurück in heimatliche Gefilde ging es über den Piccadilly Circus, der nachts, übervoll mit Menschen, weitaus weniger imposant wirkt als man ihn aus dem Fernsehen kennt. Die altbekannten riesigen Leuchtreklamen sind sehenswert, wenngleich andere Städte sich alle Mühe geben, das bunte Geflacker zu überbieten - oder es dem Piccadilly Circus zumindest gleich zu tun.
Am einfachsten von einem Ort zu anderen kommt man in London übrigens in einem der bekannten Doppeldecker-Busse, die allerdings zwei Eigenarten haben, an die man sich erst nach ein paar Tagen so wirklich gewöhnt hat. Zum Einen kommen sie immer aus genau der anderen Richtung als der, die man wartend beobachtet (Linksverkehr), zum Anderen halten sie an vielen Bus Stops nur dann, wenn man ihnen rechtzeitig ein Handzeichen gibt. Anders als in Deutschland gibt es hier Haltestellen, an denen der Bus tatsächlich immer hält, und andere, die mit einem Zusatz »Request Stop« versehen sind – hier bleibt der Bus nur dann stehen, wenn man dem Fahrer seinen Wunsch zu verstehen gibt. Doch selbst wenn einer der roten Riesen an einem vorbeifährt, ist das kein Weltuntergang – der Takt, in dem die Busse hier fahren, beträgt zumeist weniger als 10 Minuten. Auf lange Wartezeiten muss man sich also nicht einrichten.
Nach einem ereignisreichen Tag fielen wir eher tot als lebendig ins Bett.
Am zweiten Tag in London wollten wir dem Highgate Cemetery - einem der bekanntesten Friedhöfe Londons – einen Besuch abstatten. Den weg dorthin nahmen wir wieder mit dem Bus, auch wenn das nicht ganz so einfach war. Ausgehend von der U-Bahn-Station »Archway« muss man nämlich erst einmal um den Bahnhofskomplex herumgehen, um dann, direkt vor einem großen Krankenhaus, zur richtigen Bushaltestelle (Linie C11) zu gelangen. Alles weitere ist dann jedoch kein Problem mehr. Der Highgate Friedhof ist vergleichsweise groß und nicht zu übersehen.
Ganz in der Nähe der Haltestelle befindet sich übrigens ein ganz wunderbares Anwesen, das sich allerdings in Privatbesitz befindet und nicht betreten werden kann. Es besteht aus wirklich schönen Gebäuden mit reichen Holzschnitzereien und verwinkelten Dächern, die vor der Jahrhundertwende entstanden sind. Leider konnte uns auch unser Reiseführer keinen Hinweis darauf geben, welchem Zweck es diente und wer sein Eigentümer war.
Der Highgate Cemetery besteht aus zwei Komplexen, von denen einer nur mit, der andere auch ohne Führung betreten werden kann. Große Teile des Friedhofes sind stark verwildert und von Bäumen und Sträuchern geradezu überwuchert. Ob das so sein soll oder es nur an mangelnder Pflege liegt, bleibt ein Rätsel. Geldmangel kann es zumindest nicht sein, denn Highgate ist so ziemlich der einzige Friedhof, der ein Eintrittsgeld von – für Londoner Verhältnisse bescheidenen – zwei Pfund verlangt. Ein weiteres Pfund wird jeweils für die Fotografiererlaubnis und eine Karte des Geländes fällig. Die sollte man auf jeden Fall mitnehmen, auch wenn Highgate nicht wirklich viele wirkliche Größen beherbergt. Nennenswert wären lediglich Persönlichkeiten wie Karl Marx, der Wissenschaftler Faraday oder der im Jahr 2004 verstorbene Douglas Adams.
Adams' Grab ist übrigens selbst mit Friedhofsplan nahezu unmöglich zu finden - es ist nämlich unmarkiert. Zum Glück gab uns der Wärter am Eingang Auskunft über den Standort: Vom Friedhofseingang ausgehend marschiert man etwa 150 oder 200 Meter, bis man linkerhand zu einem großen, hellgrünen Busch kommt, der etwa 2 Meter groß ist. Er sticht aus der übrigen Vegetation etwas heraus, ist also recht einfach zu finden. Gleich neben dem Busch gibt es einen groben Aufstieg zu nächsten Ebene - so etwas wie eine Treppe, die aber einfach aus ein paar runden Hölzern und Sand besteht. Auf der rechten Seite dieses Aufstieges, und auf gleicher Höhe wie der genannte Busch, befindet sich eine unmarkierte Grabstätte von etwa 50 x 50 cm Durchmesser. Darauf hat jemand ebenfalls einen kleinen Busch gepflanzt, der allerdings nur etwa 40 bis 50 cm hoch ist – hat man ihn gefunden, steht man vor der letzten Ruhestätte von Douglas Adams. Natürlich haben wir es uns nicht nehmen lassen, ihm ein Handtuch da zu lassen - schließlich ist es das wichtigste im Leben, stets sein Handtuch dabei zu haben!
Deutlich einfacher zu finden ist die gigantische Büste von Karl Marx, die beinahe unmöglich zu verfehlen ist. Zu ihm gelangt man, indem man, vom Eingangsweg kommend, einfach die erste Abbiegung nach links nimmt und diese dann bis zum Ende durchmarschiert. Danach schlenderten wir einfach so über den Friedhof, der mit seinen vielen geborstenen Grabsteinen, schiefen Grabhügeln, Sträuchern und Bäumen eine ganz einzigartige Stimmung verbreitet. Wer eine leicht morbide und romantische Ader sein Eigen nennt, wird sich hier auf jeden Fall wohl fühlen!
Etwas ebenfalls ganz Besonderes ist der riesige Markt von »Camden Town«. Der besteht - so weiß es unser Reiseführer - schon seit den siebziger Jahren und bietet wirklich ausnahmslos alles, was Alternative, Punks, Gothics und andere Modeopfer so anspricht. Alles zu relativ günstigen Preisen und in einer Fülle von Variationen. Wirklich entspannend ist der Markt allerdings nicht, denn als echter Touristenmagnet ist er laut, hektisch und überfüllt mit Menschen. Glücklicherweise gibt es auch jede Menge Cafès und Restaurants direkt an der Straße, von wo aus man das Treiben bei einem Kaffee oder – wie es sich gehört – bei einer Tasse Tee beobachten kann.
Nach einigen Einkäufen, einem monetären Verlust von etwa 90 Pfund und einem Zugewinn an einmaligen Eindrücken ließen wir den quirligen, aber wirklich kultigen Markt hinter uns, um dem weitaus ruhigeren »Hill Garden« einen Besuch abzustatten. Hill Garden ist genau das richtige für Ruhesuchende, Romantiker oder Freunde ausgedehnter Grünflächen. Die Parkanlage ist ideal für Spaziergänge, die gepflegte Lektüre oder für's Händchenhalten unter einem der zahlreichen riesigen Bäume. Zumindest dann, wenn das Wetter mitspielt und einem trotz aller warmer Gedanken nicht der Hintern abfriert. Wer genügend Zeit mitbringt, kann sich auch die Inschriften auf den Bänken ansehen – sie erinnern an viele mehr oder weniger bekannte Persönlichkeiten, die Hill Garden während ihrer Lebzeit offenbar sehr geschätzt haben müssen.
Auch am zweiten Tag kamen wir nicht dazu, die Tiefen der englischen Küche zu erkunden, denn wieder trieben uns Erschöpfung und Hunger zur Victoria Station - und dann ins Hotel. Am Abend machten wir einen Abstecher zum Hyde Park, wo gerade eine Art Massenveranstaltung zur Bekämpfung von Brustkrebs im Gange war. Wieder war die gesamte Innenstadt voller Menschen in weißen und rosafarbenen Shirts und Kappen, die allesamt dem Hyde Park zustrebten, in welchem ein riesiges Festzelt prangte. Insgesamt kann man wohl ohne Zweifel behaupten, dass die Engländer weitaus geselliger sind als die Deutschen. Egal ob beim Shopping, in den Pubs oder bei Veranstaltungen wie diesen: Immer wimmelt es nur so von Menschen, die einer gemeinsamen Beschäftigung nachgehen - dabei aber weder nervtötend, noch laut, noch ausfallend sind. Auch hierin unterscheiden sie sich recht deutlich von unseren eigenen Landsmännern – und -frauen.
In London gibt es zwei große, konkurrierende Anbieter von Stadtrundfahrten. Das ist zum Einen »The Original Tour«, zum Anderen die »Big Bus Co.«. Wir entschieden uns für die Letztere. Zumeist werden zwei unterschiedliche Varianten für eine Stadtrundfahrt angeboten: eine Tour mit einem echten, wenn auch englischsprachigen Guide, und eine Tour mit aufgezeichneten Ansagen, denen man dann allerdings in sechs Sprachen lauschen kann. Die Touren folgen nicht unbedingt einer festgelegten Route, sondern bieten Möglichkeit zur Variation. So kann der Besucher an verschiedenen Haltestellen aus- und zusteigen oder auf eine andere Route desselben Anbieters verzweigen. Die Strecken decken so ziemlich alles Sehenswerte in der Stadt an – vom Wellingtom Museum über den Marble Arch, den Hyde Park bis hin zum wunderschönen Belgravia, dem Tower und vielen anderen Highlights der Stadt. Außerdem bietet die »Big Bus Co.« zwei geführte Wanderungen und eine Fahrt auf der Themse an, die im Tourpreis bereits inbegriffen sind.
Wer sich die Zeit nehmen möchte, dem ist eine Fußwanderung durch Belgravia übrigens sehr zu empfehlen. Belgravia ist ein Stadtteil Londons, ganz in der Nähe der Pimlico Road und der Sloan Street. Das gesamte Gebiet gehörte einst Richard Grosvenor, dem zweiten Marquess von Westminster – und noch heute befindet sich ein Großteil von Belgravia in Familienbesitz. Gestaltet wurde das Areal ab dem Jahr 1820 von Thomas Cubitt. Fertiggestellt zog Belgravia eine Reihe bekannter Mieter und Hauseigentümer an – darunter auch Frederic Chopin, Wolfgang Amadeus Mozart, Ian Fleming und Mary Shelley. Und auch heute noch kann sich Belgravia mit großen Namen aktueller Bewohner schmücken: Margaret Thatcher, Joan Collins, Sarah Brightman und Christopher Lee sind hier zuhause.
Wir verließen unsere Tour an der Haltestelle des Sherlock Holmes Museums, welches sich in der Baker Street befindet. Allerdings nicht in der Nummer 221b, wie Sir Arthur Conan Doyle es einst vorgesehen hatte – unter dieser Adresse befindet sich eine Bank, die übrigens auch heute noch Briefe an den bekannten, wenn auch nicht existenten Detektiven erhält!
Das Sherlock Holmes Museum befindet sich direkt gegenüber auf der anderen Straßenseite und besteht aus einem kompletten, schmalen Hausaufgang und einem direkt daneben liegenden Shop, in dem sich zahlreiche Memorablia erwerben lassen. Der Shop ist wunderschön passend eingerichtet und schon an sich sehenswert. Selbiges trifft allerdings weniger auf die Preisschilder der vielen Sherlock Holmes Souvenirs zu, die einen in echtes Erstaunen versetzen.
Das Museum selbst – eine Art Nachbildung der Wohnung des Meisterdetektivs – ist ebenfalls sehenswert. Die Wohnung, die sich über drei Etagen erstreckt, ist sehr liebevoll mit vielen Details und zeitgenössischen Gegenständen eingerichtet und im Wohnzimmer steht Holmes' treuer Begleiter, Doctor Watson, für Fragen und Fotografien bereit.
Das Museum kann mit so manchem historischem Unikum aufwarten – etwa einer »Toilette« aus dem vergangenen Jahrhundert, die im wesentlichen aus einem verzierten Kasten mit Sitz, Tür und Eimer besteht. In einigen Räumen sind Szenen aus bekannten Sherlock Holmes Geschichten mit Wachsfiguren nachgestellt und im oberen Stockwerk warten schließlich Holmes höchstselbst, Professor Moriarty und einige andere Charaktere aus den Büchern von Conan Doyle auf den staunenden Besucher.
Im Anschluss spazierten wir noch etwas durch die Londoner Innenstadt. Neben den vielen Geschäften und schönen Clubs, die sehr deutlich an die viktorianische Zeit in der Geschichte Londons erinnern und die auch heute noch die klassische »Tea Time« zelebrieren, gibt es in London unzählige Banken – die meisten davon ausländische. Dies, so haben wir uns sagen lassen, hängt mit der geographischen Lage Londons zusammen – und mit seiner Zeitzone, und bildet einen Pfeiler des wirtschaftlichen Wohlstandes der Stadt. In London gibt es mehr als 500 ausländische Banken, darunter mehr US-Banken als in New York und mehr asiatische Banken als in Tokio. Der Grund dafür liegt in dem Umstand, dass es London, aufgrund seiner geographischen Lage, möglich ist, an einem Arbeitstag gleichzeitig Geschäfte mit Nordamerika als auch mit Asien zu machen, bevor die dort ansässigen Börsen schließen.
Am Abend, nachdem wir uns im Hotel von den Strapazen des Tages erholt hatten, machten wir uns auf in die »Recliffe Gardens«. Kein Ort, den man als Tourist unbedingt besuchen müsste – es sei denn, man hegt ein kleines Interesse für das Leben von Peter Ustinov. Hier, in den Redcliffe Gardens Nummer 134, hat er einen Großteil seiner Kindheit und Jugend verbracht. Allerdings sind seitdem einige Jahrzehnte ins Land gegangen und die Stadtverwaltung muss in dieser Zeit die Hausnummern verändert haben. Die Nummer 134 war nicht mehr zu finden. Doch wenigstens konnten wir uns in dem Gefühl sonnen, einige der Wege beschritten zu haben, die auch Ustinov in seiner Jugend gegangen sein musste.
Den heutigen Tag wollten wir einem ausgiebigen Einkaufsbummel widmen – und wo in London könnte man dies besser als in Camden Town. Hier deckten wir uns ausreichend mit Souvenirs und anderen Unmöglichkeiten ein, bevor wir als neues Ziel die »Regents Park Road« ausmachten. Hier, in der Nummer 122, hat einst Friedrich Engels eine Wohnung besessen – ein Ort durchaus von historischem Interesse also, denn immerhin könnte hier ein Teil des Kommunistischen Manifestes seinen Anfang gefunden haben. Die Regents Park Road war nicht schwer zu finden – das Haus von Engels allerdings schon. Zumal wir uns an diesem regnerischen Tag des Öfteren in die falsche Richtung auf den Weg machten und uns unserem Ziel gewissermaßen im Zick-Zack-Kurs näherten. Allerdings fanden wir auf unserem Weg das sehr gemütliche »Edinboro Castle«, ein typisches englisches Restaurant, in welchem wir dann auch einkehrten. Wir bezogen einen Tisch und warteten darauf, unsere Bestellung abgeben zu können. Nach einer ganzen Weile, in der absolut nichts geschah, die Bedienung jedoch auch nicht übermäßig beschäftigt zu sein schien, wurde uns eine Eigenart englischer Pubs klar: Die Bedienung kommt nicht zum Gast, sondern der Gast zur Bedienung. Derart erleuchtet, gaben wir schließlich unsere Bestellung beim überaus freundlichen Barmann auf. Ich bestellte mir einen »Chicken and Ham Pie«, der aus einer Teighülle besteht, die, wie der Name verrät, mit Hühnchen und gehacktem Rinderfleisch gefüllt ist. Serviert wird der Pie mit einer hellen Soße und frischen grünen Bohnen – sehr empfehlenswert!
Nachdem wir deutlich mehr Zeit damit verbracht hatten, Friedrich Engels' Haus zu suchen als dann schlussendlich seine schlichte Fassade zu bestaunen, kehrten wir zum Hotel zurück und richteten es uns im Tea Room gemütlich ein. Hier ließen wir die vergangenen Tage Revue passieren, studierten die lokale Presse und machten Pläne für unseren letzten Abend in London. Den verbrachten wir in Soho, der ultimativen Vergnügungsmeile Londons. Damit beschlossen wir unseren ersten gemeinsamen Aufenthalt in der Stadt – mit dem festen Plan, uns den Rest irgendwann einmal bei unserem nächsten Trip anzusehen.
ENDE
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