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Reiseberichte: Manila
 

Wegen eines Projektes mußte ich im Mai 2000 im Auftrag meiner damaligen Firma (nicht wirklich meiner) auf die Philippinen, genauer: nach Manila. Und von dieser kleinen Reise, die entgegen meiner Annahme nicht vier Wochen, sondern vier Monate dauern sollte, soll dieses Reisebilderbuch berichten.

Ich war vorher noch nie in Asien und hatte keine genaue Vorstellung davon, was mich dort erwartete. Voller Erwartung stieg ich Ende April in den Flieger nach London. Von hier aus ging es nach Hongkong und schliesslich nach Manila...

Ankunft in Manila

S
chon der Flug allein spricht gegen eine Reise nach Asien. Insgesamt waren es knapp 18 Stunden, eingepfercht in den engen Sitz der Touristenklasse, der einem Menschen von 1,85 Metern Körpergrösse beileibe nicht viel Freiraum bietet. Ich weiss nicht genau, wie ich es überstanden habe, aber nach stundenlangen Versuchen, im Sitz eine halbwegs erträgliche Position zu finden, landeten wir in Manila. Der Flughafen selbst ähnelt jedem Anderen auf der Welt, doch die Unterschiede zu anderen Städten, insbesondere in Europa, wurden bald offensichtlich. War der Flughafen selbst noch gut klimatisiert, schlug uns die Hitze vor der Tür fast aus den Socken. Es war, als trete man aus einem Kühlschrank heraus direkt in eine nordische Sauna. Eine, die direkt mit den Abgasen vorsteinzeitlicher Schwertransporter betrieben wird. Die Luft stinkt erbärmlich und Hitze und Schwüle tun ihr möglichstes, um diesen Zustand nach Kräften zu unterstützen. Ähnlich wie in New York erwarteten den Reisenden auch hier eine Schar von 'Führern', die einem Taxis oder Hotels anboten.

Die Preise für Taxis sind zwar festgelegt, aber wie so vieles Andere werden sie kaum kontrolliert und schwanken stark, abhängig von der Witterung oder davon, wie vielversprechend oder wie unbedarft der Reisende aussieht. Um Abzockereien vorzubeugen, hatte man sich hier etwas recht Cleveres einfallen lassen. Die staatlichen Taxiunternehmen selbst betreiben im Flughafen einen Stand, an dem man Coupons bis zum Zielort kaufen kann. Diesen Coupon überreicht man beim Fahrtantritt dem Taxifahrer und damit ist der Fahrpreis abgeglichen. Besonders bei Ausländern werden die Fahrer jedoch nicht müde, nach 'Souvenirs' zu fragen oder dem Neuankömmling freundlich aber nervtötend Dienstleistungen aller Art anzubieten.

Der nächste unvergessliche Eindruck in Manila ist ohne Zweifel der Verkehr. Dieser ist zwar geregelt, es gibt Ampeln, Fahrspuren und alles was dazugehört, aber das kümmert eigentlich niemanden. Jeder fährt so, wie es ihm gerade gefällt, jeder freie Platz auf der Strasse wird genutzt, es herrscht ein ständiges Gehupe und das Ganze sieht ebenso chaotisch wie gefährlich aus. Besonders wenn einer der abenteuerlichen, abgetakelten Busse direkt neben einem die Fahrspur wechselt - der Grössere hat alle Rechte und die Kleineren machen Platz, wenn sie können.

Wenn es ein Fahrzeug gibt, das für Manila typisch ist, so ist das mit Sicherheit der "Jeepney". Jeepneys sind alte, noch aus Kriegszeiten stammende Jeeps, die verlängert und mit kutschen-ähnlichen Aufbauten und anderem Tand versehen sind. Die meisten sind knallbunt bemalt und mit Sprüchen wie "Gott segne diese Fahrt" versehen. Wahrscheinlich aus guten Grund. Eine Fahrt kostet 3 Peso - etwa 15 Pfennige -, führt immer rund um einen bestimmten Bezirk und ist eine ideale Gelegenheit zum direkten Kontakt mit den Einheimischen. Obwohl die Leute in Manila augenscheinlich viel Freude an Farben haben und alles bunt bemalt ist, wirkt die Stadt sehr grau.

 

Die meisten Bezirke sind staubig und verfallen, die Strassenränder werden von alten Häusern gesäumt, die so aussehen, als wären sie entweder nicht ganz fertig geworden oder schon im Zusammenfallen begriffen. Im Wesentlichen bestehen sie aus grauem Beton, Staub, Wellblech, Holz und Wäsche, die an jedem sich bietenden Ort zum Trocken aufgehängt wird. Trotz der offensichtlichen Armut sind die Leute jedoch fröhlich, freundlich und hilfsbereit - manchmal zu hilfsbereit.

Unser Hotel, die Discovery Suites, befand sich in Ortigas, einem Teil von Pasig City, dem Geschäftsbezirk der Stadt. Pasig City ist in etwa vergleichbar mit der Innenstadt von Frankfurt, wenn man von den ständig schmutzigen Strassen einmal absieht. Die einzige Unterhaltung bieten im Prinzip die 3 gigantischen Shopping Center und eine Handvoll guter Bars und Restaurants.

Das Projekt, an dem ich hier mitarbeiten sollte, fand im Auftrag (und im Hauptsitz) der Banco De Oro statt. Unser Team bestand zeitweise aus 6-12 Leuten - aus Singapur, Thailand, Australien, Russland und Deutschland. Gesprochen wurde ausschliesslich Englisch, was einem auch in der Stadt selbst sehr gut weiterhilft. Neben dem einheimischen Tagalog ist Englisch die zweite Hauptsprache.

Da man sich nach der Anreise ohnehin erst einmal mit allem Wichtigen eindecken musste, stand ein Shopping-Ausflug an erster Stelle auf dem Plan. Die Supermall, die nur 10 Minuten vom Hotel entfernt ist, hat ihren Namen wirklich verdient. Auf 5 Etagen, die kilometerlang zu sein schienen, reihen sich die Geschäfte aneinander. Verwunderlich ist jedoch, dass sich die riesige Auswahl an Geschäften nicht auch auf das Angebot übertägt. In vielen der kleinen Computerläden bekommt man Software- und Musik-CDs für 100 bis 120 Peso, etwa 6-10 DM. Ist zwar nicht ganz legal, aber danach fragt hier keiner.

Sicherheit wird in diesem Teil von Manila scheinbar SEHR groß geschrieben - jeder der kleinen Läden hat seinen eigenen Sicherheits-Menschen an der Tür stehen - am Haupteingang stehen gleich mehrere mit Metalldetektoren - ist fast wie am Flughafen. Diese Vorsicht scheint allerdings berechtigt, denn oft sind besonders die Shooping-Malls Ziele von Leuten, die ihre heimgewerkelte Pyrotechnik ausprobieren wollen. Außerdem darf hier jeder eine Waffe tragen. Nachdem ich eine Woche Zeit hatte, mich einzugewöhnen und mich auf die neue Arbeitsumgebung einzustellen kam, wohlverdient, das erste Wochenende.

DAS ERSTE WOCHENENDE

Der Tatendrang von Dr.Sazonov, unserem russischen Chefprogrammierer, ist nicht zu bändigen. Da er den einzigen guten Reiseführer hat, kam er auch auf die besten Ideen, was Ausflüge in die Umgebung betraf. Am Samstag war Chinatown dran. Chinatown in Manila hätte allerdings eher den Namen China-Street verdient - sehr viel mehr als eine Strasse ist es nämlich nicht. Chinatown ist etwa 100 Meter lang, besteht zu 70% aus Schmuckläden, 20% aus Souvenir-Shops und 10% bewaffneten Wachen. Träumerisch eingerahmt wird das Ganze von kleinen Werkstätten, die sich vornehmlich mit Metallverarbeitung und Herumdösen beschäftigen. Am hinteren Ende von Chinatown wird es dann so richtig ungemütlich. Hier fliesst so ziemlich der dreckigste Fluss, den ich je gesehen habe - das Wasser ist eine undurchsichtige, ölig-blau schimmernde Brühe, die über und über mit Müll bedeckt ist. Und genau so riecht sie auch. In dem Ding geht mit Sicherheit nichts unter - an dem Fluss hätte Jesus seine wahre Freude gehabt. Direkt am ... Ufer... gibt es eine Unmenge kleiner Holz- und Wellblechhütten. Also kehrten wir wieder um.

Da es gut nach Mittag war, machten wir uns auf die Suche nach einem möglichst authentischen China-Restaurant. Das fanden wir dann auch. Das Essen war gut, nichts Besonderes: Beef mit Mango, dazu Knoblauch-Reis und Gemüse. Auch in diesem Restaurant hegte man besonderen Stolz für die Klimaanlage und wir saßen die gesamte Zeit in einer mittleren kühlen Brise, die einem die Gänsehaut auf den Armen rauf und runter trieb. Beim Verlassen des Restaurants stand ich dann auch erstmal im Dunkeln, da ob der plötzlichen Hitze sofort die Brillengläser beschlugen.

Zum Heimkehren war es jetzt noch definitiv zu früh und so machten wir uns mit einer Art S-Bahn auf zur nächsten Sehenswürdigkeit: einem chinesischen Friedhof. Der Weg dorthin führte durch Manila-typische Strassen, die einen automatisch einen Schritt schneller gehen liessen.

Dr. Sazonov's Unbekümmertheit war bewundernswert: Ich war in der ständigen Erwartung, dass mit jede Sekunde irgend etwas auf die Rübe fällt, ich in eines der unzähligen Schlaglöcher stürze, in etwas Unangenehmes trete oder überfallen werde und er schaut auf seinen Stadtplan und deutet mit unerschütterlicher Zielstrebigkeit auf genau DIE Strasse, die noch viel, viel schlimmer aussah. Trotzdem ich das irgendwie garnicht erwartet hatte, kamen wir dann aber doch an und es hat sich wirklich gelohnt. In Manila leben die Toten tausendmal besser als die Lebenden. Der Friedhof ist kein Friedhof, wie wir in kennen, sondern eine Stadt - komplett mit Strassen, Gehwegen, Laternen, Zäunen und allem Drum und Dran. Die Gräber sind prachtvolle Mausoleen, Tempel, reich verzierte Schreine und Kirchen - die meisten eingeschössig (und trotzdem riesig), viele zweigeschössig, mit Balkon, Vorgarten, Ofen und Klo. Das Ganze schön in Marmor, Silber und Gold gehalten - was muss, das muss. Gepflegt wird das Ganze von einer kleinen Schar emsiger Reinigungskräfte, die nebenbei ihre eigene Wäsche waschen und diese ganz unchristlich auf dem Friedhof zum Trocknen verteilen. So wechseln die Eindrücke zwischen chinesischen Weisheiten, Christus am Kreuz, Unterwäsche, elektrischen Kerzen, beeindruckenden Sarkophagen und Büstenhaltern - das hat Berlin nicht zu bieten. Zumindest nicht alles auf einmal.

Abends gingen wir japanisch essen, was - abgesehen von den Stäbchen - nicht sonderlich aufregend war. Essen kann man in dieser Gegend übrigens gut: Es gibt eine gute Auswahl verschiedenster Restaurants - mexikanisch, chinesisch, Thai, japanisch, italienisch und und und. Ein normales, grosses Dinner bekommt man ab etwa 150 Peso - um die 8 DM. Die Bedienung ist jedesmal freundlich, nett und professionell. Vor allem, wer sich in eines der vielen kleinen Restaurants wagt, wird jedoch in regelmäßiger Zuverlässigkeit mit eisigen Temperaturen bestraft.

Am Sonntag um 11 machten wir uns auf in einen Freizeitpark etwa 10 Kilometer von der City. Dieser Park ist so eine Art Miniatur der Philippinen, mit traditionellen Hütten (Souvenirläden), Vulkanen, Seen, Bergen und allem, was sonst noch so dazugehört. In Manila sicherlich eine DER Sehenswürdigkeiten, insbesondere, da der Park eine willkommene Abwechslung zur tristen City darstellt.

Alles ist sehr grün: Kokos-Palmen und Bananen-bäume, riesige Farne und schöne, gepflegte Wiesen. Es gibt auch einen kleineren Bereich, in dem die lokale Tierwelt gezeigt wird, die anscheinend vorwiegend aus Vögeln und Affen besteht. Leider hausen diese in viel zu kleinen Gehegen und sehen deshalb auch nicht sonderlich fröhlich aus. Zu naschen gab es fritierte Bananen am Stiel - von dem sehr lecker aussehenden Eis sahen wir allerdings ab - Milchprodukte und alles, was mit unbehandeltem Wasser zubereitet ist, sollte man hier mit Vorsicht geniessen, was ich aus leidlicher Erfahrung nur bekräftigen kann.

Wir hatten das Glück, genau rechtzeitig im Park zu sein, als eine der traditionellen Tanzgruppen eine Vorstellung gab. Beeindruckend! Gut, daß Vladimir seine Kamera dabei hatte. Er stand in der ersten Reihe, während ich mich etwas weiter hinten plazierte. Da die Leute sowieso alle kleiner sind, machte das keinen grossen Unterschied. Zwischen den einzelnen Tänzen sauste Vladimir mit seiner Kamera von einem Ende der Bühne zum anderen, um aus einer anderen Perspektive zu filmen - sehr zur Freude und dem Amüsement des restlichen Publikums.

Die Tänze selbst sind sehr... gewöhnungsbedürftig. Zumindest, was die traditionell philippinischen betrifft. Die Geschichte des Landes ist allerdings auch stark spanisch beeinflusst, was sich auch auf die Tänze auswirkt. Einer davon gefiel mir besonders: Es handelte sich dabei um eine Art königlichen Werbungstanz, der von einer Prinzessin und einem Krieger getanzt wird. Auf dem Boden hocken vier weitere Beteiligte, die jeweils zwei Bambusstangen kreuzweise, kurz über dem Boden in den Händen halten. Diese werden im Takt der Musik leicht angehoben und aneinandergeschlagen. Bei dem Tanz geht es im Wesentlichen darum, daß Prinzessin und Krieger über und zwischen diese Stäbe steigen, dabei versuchen, leicht und beschwingt auszusehen und gleichzeitig ihre Füße zu behalten. Sah garnicht so leicht aus.

Besonders in Gebieten ausserhalb der City, wie in diesem Freizeitpark, ist man als Europäer echt ein bunter Hund, was an dem auffallenden Mangel an Europäern in diesem Gebiet liegt. Während unseres gesamten Aufenthaltes im Park wurden wir bestaunt, bekichert und mit Amerikanern verwechselt. Die Reaktion war oft umso verblüffter, wenn man diese Fehleinschätzung richtigstellte - Deutschland ist ja auch am anderen Ende der Welt. Ich möchte nicht wissen, auf wie vielen Fotos wir verewigt worden sind, um uns herum wurde eigentlich dauernd geknipst... und gegackert. Einige Grüppchen junger Frauen gaben sich mit zufälligen Schnappschüssen allerdings nicht zufrieden und baten uns, sich mit ihnen gemeinsam als "Souvenir" ablichten zu lassen - wer kann da schon nein sagen.

Gegen Abend zogen dann allerdings graue Wolken auf, was unseren Tatendrang in den Keller und die Taxipreise in die Höhe trieb. Wir mussten mehrmals das Taxi wechseln, weil die Fahrer einen bis zu viermal höheren Fahrpreis verlangten, als wir für die Hinfahrt bezahlt hatten. Bei einem, der "nur" das Doppelte verlangte, blieben wir dann schliesslich hängen und gerade als es losging, fing es an, wie aus Eimern zu giessen. Als wir im Hotel ankamen, hörte es wieder auf - Glück muss man haben.

Generell ist das Taxi das mit Abstand bequemste Beförderungsmittel - eine etwa halb- bis 3/4-stündige Fahrt kostet (bei gutem Wetter) etwa 100 Peso, um die 6 DM. Dafür wird einem allerdings die ganze Zeit über vom Fahrer ein Ohr abgekaut. Die meisten Taxis haben Aircondition, was eine angenehme Sache ist, solange einem nicht die Zehen abfrieren.

Abends ging es zum Mexikaner, wo es lecker Tortilla (riesigigen Ausmaßes) gab. Und damit war es das dann auch schon mit Wochenende.

DAS ZWEITE WOCHENENDE

Wer hier im Hotel ausschlafen will, hat schlechte Karten. Pünktlich um 9 klopft es zum Ersten Mal und eine lächelnde Angestellte überreicht einem strahlend die Tageszeitung und fragt, ob man etwas für die Wäscherei hätte. Nachdem man müde blinzelnd ein "no" gemurmelt hat, schlurft man wieder zurück ins Bett, um eine Stunde später erneut geweckt zu werden - Roomservice, die Aufräumtruppe und der Typ, der die Minibar auffüllt, geben sich fröhlich die Klinke in die Hand und man ist bis in den Mittag hinein damit beschäftigt, die Tür zu öffnen und zurück ins Bett zu schleichen.

Für den Samstag hatten wir uns vorgenommen, das Touristenviertel zu besuchen und ich konnte meine Vorfreude kaum in Grenzen halten, nach 14 Tagen mal wieder europäische Gesichter zu sehen. Der Weg nach Ermitage ist wie üblich: graue Strassen, die sich nicht die geringste Mühe geben, auch nur irgendwie touristisch oder auf sonst eine Weise anheimelnd auszusehen.

Nach etwa einer Stunde und 100 Peso waren wir dann aber da. Zunächst ging es zum Hafen, der ganz in der Nähe lag - Manila Harbor. Der riecht besser als der Rest der Stadt, da der Wind stetig von der See hereinweht, und ist allein deswegen schon einen Besuch wert. Am Horizont konnte man Vietnam zwar nicht sehen, aber Vladimir versicherte mir, daß es trotzdem da sein und deutete auf den unschuldig vor sich hin wabernden Nebel vor der Küste. Unsere stetige Begleitering am Hafen war eine ebenso freundliche wie anhängliche ältere Dame, die versuchte, uns Eier in allen Sorten und Grössen zu verkaufen.

Daß man uns bereits in die lokalen Zubereitungsarten eingeweiht hatte war nur einer von vielen Gründen, diese Eier nicht zu kaufen. Eine der lokalen Spezialitäten sind sogenannte "prehatched eggs" - das sind befruchtete Eier, die kurz vor dem Schlüpfen der Kücken verspeist werden. Lecker (würg).

Am Hafen kann man normalerweise eine 1-stündige Bootsfahrt mieten - als wir da waren, war der Laden allerdings geschlossen und so blieben wir auf dem Trockenen. Da es ausser Palmen und lächelnden und winkenden Einheimischen nichts weiter zu sehen gab, machten wir uns nach etwa einer halben Stunde wieder auf den Weg ins Touristengebiet. Vladimir hatte seinen Kompass dabei und deshalb waren wir uns sicher, dass nichts schief gehen könnte...

Nach etwa 20 Minuten Fussmarsch durch mehr oder weniger enge Strassen verkündete Vladimir, dass wir nun da seien. Zumindest der Karte nach. Die Umgebung war von dieser Feststellung allerdings nicht überzeugt und sah genauso aus wie vorher, weshalb wir in der ständigen Erwartung standen, dass es gleich hinter der nächsten Ecke losgehen müsse. Ging es aber nicht. Statt dessen fanden wir einen riesigen chinesischen Tempel, der sehr interessant war. In diesem Tempel konnte man mit Hilfe zweier nierenförmiger Holzstücke Fragen an den Gott seiner Wahl stellen. Fallen beide Holzstücke auf die flache Seite, so bedeutet dies "nein", fällt eines auf die runde und das andere auf die flache Seite, ist dies ein "ja" und fallen beide auf die runde Seite, bedeutet das "vielleicht" und man darf seine Frage noch einmal umformulieren. Taten wir aber nicht - zum Einen war der Tempel bis auf uns und ein paar Angestellte leer, so dass wir unangenehmerweise ständig im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit standen und zum Anderen muss man ja nicht alles wissen.

Wir gaben unsere Suche nach dem Touristenmekka nicht auf und scheinbar kamen wir ihm auch immer näher. Schon sah ich einige erfreulich blasse Mitmenschen und mein Herz machte einen Freudensprung. Schliesslich kam auch noch ein verschlagen dreinblickender Einheimischer, reichte mir eine Karte und versprach, die besten Bars mit jungen Mädchen zu kennen. Angesichts widriger Umstände lehnte ich sein freundliches Angebot ab. So leicht war er jedoch nicht abzuwimmeln. Er unternahm noch einige Anläufe, doch als er bereits kurz vor der Verzweiflung stand und sein Angebot auf Drugstores und Supermarkets ausdehnte, zog Vladimir mich zur Seite. Noch bevor der 'nette' Kerl uns für völlig verrückt erklären konnte, waren wir wieder in einer der dreckigen Seitenstrassen verschwunden.

Ich muß sagen, ich respektierte Vladimir's Vorliebe für folkloristisches Ambiente vollkommen, wirklich, aber nachdem ich eine Stunde durch die Gegend gedüst war, hatte ich irgendwie etwas Anderes erwartet als das, was ich hier sowieso jeden Tag zu sehen kriegte. Noch während ich also leicht entnervt hinter Vladimir herstapfte, fing es langsam an zu tröpfeln. In der Querstrasse, die wir durchstreiften, hatte man sich auf den Handel von Fremdwährungen spezialisiert und alle fünf Meter sprang ein lokaler Sachverständiger aus einer dunklen Ecke, blubberte etwas Unverständliches und hielt einem einen abgegriffenen Schnipsel mit einer Liste der verfügbaren Währungen und Umtauschkurse unter die Nase. Unglücklicherweise gab es in eben derselben Strasse auch eine Reihe kleiner Läden, die Kurzreisen ins Landesinnere anboten und die im Zentrum von Vladimir's Interesse standen. Er blieb vor jedem Laden stehen, lockte die mehr oder weniger vertrauenserweckenden Inhaber in heller Vorfreude aus ihrem Kabuff und begutachtete in Mitten der neugierigen Menge seelenruhig das Angebot.

Ich begnügte mich derweilen damit, die hartnäckigen Falschgeldbetrüger abzuwehren. Nachdem wir die Gasse hinter uns gelassen und dutzende Attacken überstanden hatten, kamen wir in den Uhrendistrikt, wo das Angebot schlagartig zu echt echten Rolex in allen Farben und Formen wechselte. Und dann war die Strasse zu Ende. Ein sicheres Zeichen dafür, dass wir das Zentrum für touristische Attraktionen und Unterhaltung, das Ziel all meiner Hoffnungen, erfolgreich umschifft hatten. Der Himmel war inzwischen genauso grau wie mein Gemüt und so zogen wir uns zum Mittag in ein kleines koreanisches Restaurant zurück. Wir waren die einzigen Gäste und somit die einzige Zielscheibe für die Gastfreundschaft der Inhaber. Gastfreundschaft hin oder her, es schmälert den Genuss eines Essens doch ungemein, wenn einem die Bedienung ständig auf den Teller starrt und ihr fragend-freundliches Lächeln versprüht, sollte man es wagen, von selbigem aufzublicken. Trotzdem war das Essen lecker - die Philippinen sind das Land der Mangos und die diversen Mango-Shakes, Säfte, Desserts und sonstige Zubereitungen sind einfach himmlisch! Die kleine, aber niedliche Bedienung (klein war sie wirklich!) fing ständig an zu singen und zu flirten, wenn sie an unserem Tisch vorbeikam, aber das machte nichts, weil sie das wirklich gut konnte (singen). Wenn sie gerade nicht sang, stand sie an der Bar vor einer Art Getränke-Dingsbums, das gleichzeitig als Spiegel diente, und überzeugte sich von den anatomischen Vorzügen ihres Dresses, die unbestreitbar waren.

Als der Regen schliesslich nachliess, bezahlten wir uns verliessen das Restaurant. Ein Taxi war bald gefunden und so machten wir uns auf den Weg zurück ins Hotel.

Taxis und Touristen haben hier eine sehr enge Beziehung - marschiert man als "Tourist" eine Strasse entlang, macht jeder Taxifahrer in Sichtweite durch wildes Hupen auf sich aufmerksam. Bleibt man an der Strasse stehen, um selbige zu überqueren, verfallen sie geradezu in Extase. Ist man, wie ich, zum ersten Mal hier, hat das schon etwas Nerviges, da man ein Hupen automatisch mit einer potentiell schlechten Nachricht assoziiert und sich erschrocken umsieht. Nach einiger Zeit gewöhnt man sich aber daran.

Die weitaus günstigste Alternative zum Taxis sind die Fahrrad-Rikschas, die überall in der Stadt herumkurven. Die haben wir allerdings nicht ausprobiert, schon allein aus Mitleid angesichts der sengenden Hitze.

Der Sonntag fiel sprichwörtlich ins Wasser. Die kurze Zeit, die es nicht regnete, konnte man lediglich für einen kurzen Ausflug in die Mall nutzen, um sich mit dem einzudecken, was man für die Woche brauchen würde. Die Öffnungszeiten hier sind praktisch - die meisten Läden haben 7 Tage die Woche geöffnet - von 10 bis 21 Uhr. Am Wochenende einzukaufen, ist jedoch Nervensache, da das anscheinend ganz Manila tut. Verständlicherweise. Das Gedränge ist unglaublich - die meisten Leute haben ein unschlagbares Gespür dafür, wann und wo sie am Besten im Weg stehen. Spezialisiert haben sie sich auf das Ende von Rolltreppen - geht es auf der Rolltreppe noch flüssig voran, entsteht am Ende immer ein Stau, da sich anscheinend jeder erst einmal bewusst macht, wo er sich eigentlich befindet, wie zum Henker er hierhin gekommen ist und in welche Richtung er denn nun am Besten weitergeht. Also wurde selbst dieser Shopping-Trip auf das Notwendigste reduziert. Den Rest des Tages verbrachten wir im Hotel.

Die folgende Woche regnete es fast jeden Tag so ziemlich unaufhörlich und Gemma, die hier in der Bank mit uns zusammen arbeitet, versicherte uns, dass es so auch noch die nächsten zwei Monate weitergeht - liegt an La Niná (gesprochen La Ninja, der Ninja-Regen). Wenn La Niná vorübergezogen ist, beginnt die Zeit der Taifune. Die ersten gab es wohl schon.

Ich weiss gar nicht, wie gross Manila eigentlich ist. In den Nachrichten wurde jedenfalls gemeldet, in Manila hätte es einen Taifun mit starken Überschwemmungen gegeben, die wohl auch einige Menschenleben gefordert haben, aber so richtig gemerkt haben wir davon nichts.

Dienstag ging es mittags zum Lunch zu CrabKing, einem kleinen Lokal, das sich auf die Zubereitung von Krabben spezialisiert hat. Dazu eingeladen wurden wir von Ernest, einem Mitglied des Reengineering-Komitees der Bank, der uns in seinem Wagen dorthin fuhr. 10 Mann, davon 4 auf den Behelfssitzen hinten im Auto - das Ganze bei DEM Verkehr und einem Fahrer, der eine masochistische Beziehung zu seiner Bremse hat - die pure Wonne!

Zur Einleitung des Mittagessens wurde uns Selbiges lebend an den Tisch gebracht, auf das man den kleinen Rackern zur Begrüssung (oder zum Abschied) noch einmal die Schere schütteln konnte, was mich irgendwie an Douglas Adams erinnerte - kennt ihr die Geschichte mit dem Restaurant am Ende des Universums aus "Per Anhalter durch die Galaxis"? Nach der Begrüssung und der wahrscheinlich recht einseitigen Begeisterung für das, was nun folgen sollte, wurden die (ehrlich gesagt garnicht so kleinen) Biester wieder in die Küche gebracht. Als wir sie das nächste Mal sahen, hatten sie die Farbe gewechselt und saßen recht trostlos auf einem Berg Reis und anderem Zeugs.

Ich weiss nicht, was die Leute ab Krabben finden. Zum Einen sehen sie vor der Zubereitung viel besser aus als hinterher und zum Anderen schmecken sie nicht einmal besonders - ungefähr wie... leicht geräucherte Forelle. Außerdem ist das Essen an sich der reinste K(r)ampf. Ich habe mich deshalb auch eher an die Spare Ribs gehalten und die Krabben den Anderen überlassen.

Mit der Zeit wird Manila nicht nur ungemütlich, sondern auch richtig gefährlich. In den Nachrichten wurde verkündet, dass etwa 50 Mann dieser verrückten Moslems nach Manila eingezogen sind und dort auf die Befehle ihres Anführers warten, um dann diverse öffentliche Einrichtungen anzugreifen. In den letzten zwei Wochen gab es bereits 3 Bombenanschläge auf verschiedene Einkaufszentren. An einem schönen Sonntag Abend hat es dann "unsere" Mall erwischt. In der SM SuperMall, 10 Minuten vom Hotel, gibt es ein grosses Kino und in Selbigem hat es irgendwann gegen 8 oder 9 Uhr geknallt - 1 Toter und 11 Verletzte. Die Bombe lag in der Damentoilette und die Explosion war, laut den Nachrichten, so stark, dass sie selbst die Decke des Kinos zerstört hat. Ich war allerdings schon eine Stunde vorher von meinem Wochenendeinkauf zurück - die meisten von uns waren bereits vorher dort und zum fraglichen Zeitpunkt wieder im Hotel - nur Agnes und Grace, zwei Kolleginnen, waren gerade im Supermarkt, in einem Nebengebäude, als die Bombe hochging. Der folgenden Panik hatten sie es zu verdanken, dass sie ihre Einkäufe nicht bezahlen mussten / konnten.

Die Mall war am folgenden Tag geschlossen und im Hotel und in der Bank wurden die Sicherheitsvorkehrungen verschärft - überall standen Leute mit Metalldetektoren und überprüften alle Taschen. Allerdings hätten sie so wohl kaum eventuelle Sprengsätze finden können. Ob ihnen das nicht klar oder nur egal war, wagte ich nicht zu beurteilen.

Nach einigen Wochen im Hotel habe ich endgültig beschlossen, die Klimaanlage in meinem Hotelzimmer permanent auf wohlig-eisige 22 Grad zu stellen. Das war, nachdem mir - in ein paar Minuten Abstand - zwei riesige Kakerlaken über den Weg gelaufen sind. In der Woche zuvor hatte ich sogar meinen eigenen Hausgecko. Im Gegensatz zu den Schaben war der aber recht drollig.

Das erste der widerlichen Krabbentierchen war richtig hartnäckig und selbst als ich ihr bereits dreimal mit meinem Schuh eine übergezogen hatte und sie doppelt so breit war wie vorher, versuchte sie standhaft, die Flucht zu ergreifen - gruselig! Nicht totzukriegen, die Dinger. Bei der zweiten habe ich den Roomservice gerufen und eigentlich erwartet, dass sie mit etwas schwereren und langanhaltenderen Geschützen anrücken. Aber nein - der nette Page tritt auf die Schabe, wirft sie weg und das war's. Da ich wußte, dass es da, wo die Beiden herkamen, sicher noch mehr von der Sorte gibt, habe ich die Nacht ausgezeichnet geschlafen. Eins war sicher: Wenn ich vor der Abreise hier die Koffer packen würde, werde ich jedes einzelne Stück eigenhändig dekontaminieren.

Ein paar Tage später war Gekko wieder da. Eines Mittwoch Morgens saß er an der Glastür zur Dusche und blinzelte mich schief an. Was zum Henker macht man mit einem Gekko? Eigentlich hatte ich vor, ihn einzufangen und vor der Tür auszusetzen. Aber er hatte wohl andere Pläne und machte sich aus dem Staub. Nicht zu fassen, wie schnell die Biester sind. Man kann ihnen mit den Augen kaum folgen! Jedenfalls verkroch er sich unter der Couch und schmollte. Soll er doch, dachte ich mir. Wird schon sehen, was er davon hat!

So langsam fragte ich mich, ob Manila einen Zoo hat. Wenn nicht, dachte ich im Stillen, mache ich einen auf. Es war Freitag Abend, ich wollte mich gerade in die Koje verkriechen, da raschelt es im Papierkorb. Nun ist es ja manchmal so, dass man Plastiktüten oder dergleichen zusammenknüllt und wegwirft und nach einer Weile fangen sie an, still vor sich hin zu knistern. Diesem Effekt schrieb ich das Geräusch auch zunächst zu, doch das war es nicht.

Also kroch ich aus dem Bett, machte die Lampe an und zog die zusammengenüllte Tüte aus dem Papierkorb. Und was sehen meine müden Augen? Eine winzig kleine Maus hüpfte voller Freude über den neu gewonnenen Platz im Papierkorb herum, bis sie mich sah und ihr wohl einfiel, dass dies ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt für Freudenausbrüche war. Womit sie sich dann auch über den Papierkorbrand hinweg aus dem Staub machte. Sie verschwand unter dem Schreibtisch und ab da wurde es leicht mysteriös.

Der Schreibtisch stand in einer Ecke und - ich habe nachgesehen - in dieser Ecke war nirgends ein Loch oder irgend etwas, wohin selbst eine mikroskopische Maus sich hätte verkriechen können. Und dennoch ist sie dorthin verschwunden. Seitdem besuchte sie mit gründlicher Regelmässigkeit jede Nacht meinen Papierkorb und löste sich dann unter dem Schreibtisch in Nichts auf. Oft sah ich auch einfach nur etwas kleines Schwarzes über den Boden flitzen und unter der Couch oder dem Bett verschwinden. Und jedesmal wenn ich nachsah: nichts. Entweder sind die Mäuse in diesem Hotel extrem gut im Sich-In-Luft-Auflösen oder ich fing langsam an, Dinge zu sehen, die garnicht da sind.

DAS 5. WOCHENENDE

Die Wäscherei hat eine meiner Hosen verbummelt. Deswegen, und weil Agnes von den günstigen Preisen in der Galeria schwärmte, machte ich mich am Samstag Nachmittag dorthin auf den Weg, um eine Neue zu besorgen. Die Preise sind hier wirklich super! Selbst die nobelsten Marken sind hier spottbillig - Versace, Adidas oder Nike Shirts für etwa 300-400 Peso (15-20DM), normale, legere Hosen ca. 300 Peso, solche für's Office zwischen 600 und 800 Peso (um die 40 DM).

Die Galeria wimmelt von Angestellten. Man kann keine 5 Schritte gehen, ohne ein "Good afternoon, sir", oder "May I help you, sir?" ins Ohr gehaucht zu bekommen. Das nächstes Mal, soh nahm ich mir vor, würde ich ein Schild mitnehmen und es mir um den Hals hängen: "Good evening. I am fine. Leave me alone. God bless you."

Dennoch war der Einkaufsbummel ein Abenteuer. Ging es bei den T-shirts, Hemden und Freizeithosen noch gut voran, kam mein Kaufrausch bei den Anzughosen leicht ins Stocken. Bei Grösse 34 hörte nämlich das Sortiment auf. Hätte ich mir eigentlich denken können, immerhin reichten mir die Leute nur maximal bis zur Schulter und Hosen in meiner Grösse könnten sie sich glatt bis zu den Brustwarzen hochziehen. Grösse 34 wäre für mich vielleicht gerade noch so gegangen, doch die Hosen hier haben eine Eigenart, die ich in Deutschland bisher noch nicht gesehen hatte. Sie sind unfertig. Das heisst, die Enden der Hosenbeine sind ausgelassen und müssen erst an die Grösse des späteren Trägers angepasst werden. Das passiert allerdings erst, nachdem man die Hose gekauft hat.

Ich nahm also eine 34, die mir gefiel, kaufte sie und marschierte zum Schneider, der auf der selben Etage sein winziges Etablissement hatte. Der nahm meine Maße, während seine Angestellte aus dem Kichern nicht wieder herauskam und teilte mir mit, dass ich mindestens eine 36 bräuchte... Ich also wieder zurück und gemeinsam mit einer Angstellten ging es auf eine Rundreise durch die Welt der Männerbekleidung. Nach 4 oder 5 Ständen (nach Marken geordnet) fanden wir schliesslich eine Hose, die mir zwar nicht so gefiel wie die erste, dafür aber lang genug war. Der nette, ständig lächelnde Verkäufer hätte von der Länge her glatt zweimal hineingepasst, was er uns, auf einem Hocker stehend, auch prompt demonstrierte. Nach einer Runde kollektiver Heiterkeit durfte ich die Hose dann auch endlich an mich nehmen und gemeinsam organisierte man den Umtausch an der Kasse. Entnervt, aber wenigstens mit Hose, ging ich wieder zum Schneider und diesmal stimmte tatsächlich alles. Bis auf die Uhrzeit. Es war mittlerweile kurz nach 8 und deshalb vertröstete mich der gute Mann auf den nächsten Tag.

Die Galeria ist eine von drei grossen Malls in diesem Teil von Manila, der selbst nur etwa 2 Quadratkilometer gross zu sein scheint. War die SM SuperMall riesig, so ist Galeria geradezu gigantisch. Das Ganze hat nur den Haken, dass die Aufteilung in die einzelnen Geschäfte extrem unübersichtlich ist. Ich brauchte eine ganze Weile, allein um einen Ausgang zu finden und noch viel länger, bis es endlich der richtige war.

Die Malls haben noch eine witzige Eigenart: Im 1. Untergeschoss gibt es, neben einer Eisbahn und riesigem Videospiele-Center einen "Food Court". Das ist ein riesiger Saal. Gefüllt wird er allein von Tischen und Bänken. Die Wände bestehen aus Food-Shops - von Mac Donalds und Jollibee (dem einzigen und so zugleich grössten lokalen Konkurrenten der Amerikaner), über Pizzabäcker und Pasta-Buden bis hin zu asiatischen Spezialitäten jeder Art bekommt man hier so ziemlich alles was mehr oder weniger essbar ist. Unter anderem auch 'echt authentische' Bratwurst, Frankfurter, Wiener und andere Würtschen. Einer der asiatischen Kollegen hat sich fast nicht wieder eingekriegt, als er frittierten Darm auf der Speisekarte entdeckte. Auch hier sind die Preise gut - alles kostet maximal die Hälfte, wenn man es mit den Preisen in Deutschland vergleicht. Kein Wunder also, dass der Saal um die Mittagszeit rammelvoll ist.

Die Essgewohnheiten der Asiaten versetzen einen unbedarften Europäer immer wieder in Erstaunen. Wer schon Käsebrot mit Marmelade eklig findet, dessen Magen wird hier wahre Pirouetten schlagen: Spaghetti-Burger, Käsecracker mit Mango-Zitronen-Creme, Schokoladen- und Kaffee-Brot und Yams-Eis (Yams ist so eine Art Kartoffel). Ich habe mal das hier sehr populäre Halo-Halo-Eis probiert - diese Sorte besteht aus: Lila Yams, Milch, zerstossenem Eis, Maiskörnern, irgendetwas Wabbelig Grünem, von dem ich nicht genau weiss, was es war, und noch mehr Yams. Warum dieses Eis so populär ist, wird mir für immer ein Rätsel bleiben.

Und dann gibt es da noch getrockneten Fisch. Alle Sorten, alle Größen, in allen Farben und zu allen möglichen Zwecken. In unserem Office lag stets eine unschuldig aussehende Tüte getrockneter Tintenfisch herum - "der Kaugummi der Asiaten" - und stank hartnäckig vor sich hin. Die asiatischen Kollegen hier in der Bank nehmen übrigens nicht nur einmal am Tag ihr Lunch zu sich, sondern gleich dreimal - sicher ist sicher. Das erste mal gegen halb 11, dann um 12 und noch einmal gegen 3. Wenn sie zuhause genauso begeistert futtern, macht das etwa 6 Mahlzeiten am Tag und wirft die Frage auf, wieso sie trotzdem so schlank sind. Naja, Reis macht vielleicht nicht dick.

Eines schönen Freitag Abends lud uns Gemma, eine der Managerinnen der Bank, zum Dinner nach Makati ein. Makati ist (so habe ich mir sagen lassen) eine der besten Gegenden in Manila und somit auch das Zentrum für Shopping und Entertainment. Und wirklich: Im Vergleich zu Ortigas hat es hier weit mehr Grün, Parks, kleine Kapellen, jede Menge Bars und Restaurants. Darunter eines, das echt deutsche Küche anbietet und sich "Der Schwärzwälder" nennt. Wenn dieses Restaurant und sein Inhaber wirklich echt sind, muss er den Deutsch-Unterricht volle zehn Jahre lang verpennt haben. Kein Wunder, dass er jetzt in Manila rumhängt!

Wir gingen allerdings in die "Glorietta", die bereits eine Woche vor der SM Megamall bombardiert wurde. Im Untergeschoss dieser (wie soll's anders sein) riesigen Shopping-Mall gibt es so ziemlich das bemerkenswerteste Restaurant, das ich bisher gesehen habe. Es heisst einfach und ergreifend "Kitchen" und mehr als das ist es eigentlich auch nicht.

Der gesamte Gästebereich befindet sich sozusagen vor der Tür in dem riesigen Vorraum. "Kitchen" bietet einen Mix aus europäischer, thailändischer und japanischer Küche - darunter unter anderem sehr leckere Suppen wie "The Drowning Man" (wer genau in der Suppe ertrunken ist, stand allerdings nicht auf der Karte) und Salate wie "Dressed For Success". Ich hatte einen Crunch&Munch, der vorwiegend aus frittierten, weissen Nudeln bestand und einer Curry-Sauce. Die Nudeln waren hart und sahen aus wie eine filigrane Struktur aus Zuckerkristallen. Wenn man die Sauce darübergoss, wurden sie unter eifrigem Geknister weich und schmeckten danach auch ganz gut. Leider waren nur zu viel Curry und zu viel Öl in der Sauce, die sich zum Ende hin am Boden der Schale zu einem klebrigen Stelldichein versammelten. Trotzdem irre gut!

Im Anschluss hatten wir eigentlich vor, eine typische manilanische Bar zu besuchen, um einen Kaffee zu trinken (höhö), doch dank Hani's unerschütterlichem Gespür für lokale Sehenswürdigkeiten landeten wir in dem wahrscheinlich un-philippinischsten Lokal von allen: Planet Hollywood...

Im Planet Hollywood hatten sie an diesem Abend einen nervigen Kreditkarten-Vertreter und eine lokale Live-Band. Der Vertreter schleimte uns nicht enden wollende Minuten lang die Vorteile der Kreditkarte ins Ohr, die wir dann allerdings höflich ablehnten und die Band war einfach nur super. Der Rest unserer fröhlichen Gesellschaft wäre beinahe in kollektivem Erstaunen vom Hocker gerutscht als Hani sich aufmachte und Gemma zum Tanzen aufforderte. Gestaunt haben wir dann auch nicht schlecht, als er das dann auch richtig gut konnte!

Angesichts seiner Performance wurden unsere dahingehenden Pläne rasch wieder verworfen und während Hani wie ein junger Gott über die Tanzfläche schwebte, klammerte sich der Rest von uns an die vor uns stehenden Gläser und Flaschen und wippte im Takt der Musik so vor sich hin. Wenigstens konnten wir uns auf diese Weise auf die anderen Gäste des Lokals konzentrieren, unter denen es wirklich einiges Sehenswerte ... zu sehen gab.

Als wir weit nach Mitternach zu fünft das winzige Taxi bestiegen, um zurück ins Hotel zu fahren, meinte Gemma dann auch, dass sehr viele Pick-Up-Girls in der Bar gewesen seien. Und das sagt sie einem hinterher! ;)

Wie die Leute das auf den Philippinen mit Dates und Freund/Freundin organisieren, möchte ich sowieso mal wissen. 150% der Einheimischen sind römisch-katholisch. Und anders als in Deutschland meinen die das auch so. Das heisst, vor der Ehe wird nicht einmal zusammen in eine Wohnung gezogen, geschweige denn in ein Bett. Jeder bleibt hübsch bei seinen Eltern und ausgehen ist nur bis 11 Uhr (und das ist schon sehr liberal). Scheidungen gibt es auf den Philippinen garnicht - Ehen können zwar annulliert werden, aber dasselbe trifft dann auch auf den Ruf der Beteiligten zu, also lässt man es meist bleiben und geht sich so wie möglich aus dem Weg.

Dass Manila eine ausgeprägte christliche Tradition hat, wird einem spätestens dann klar, wenn man die vielen Kirchen sieht. Viele davon stammen noch aus der frühen Zeit der Missionierung und sind architektonisch absolut sehenswert. Den potentiell guten Ruf, den die Missionare durch ihre Kirchenbauten hätten erwerben können, haben sie sich allerdings recht früh durch recht zwielichtige Geschichten mit den lokalen Schönheiten verdorben. Was neben dieser schalen Erinnerung blieb, sind die Kirchen, die teilweise Museen beherrbergen, die man sehen sollte. Wir besuchten eine Kathedrale in Intra Muros, einem der ältesten Stadtteile Manilas, was sich auch in dessen Namen ausdrückt. Dieser bedeutet soviel wie "Innerhalb der Mauern". Er stammt aus der spanischen Belagerungszeit und ist mit seinen verwinkelten Gassen und viel Grün sehr reizvoll.

In den Gängen dieser großen Kathedrale waren allerlei beachtliche Kunstwerke ausgestellt - Malereien, aufwändig geschnitze Möbel und schöne versilberte Zeremonien-Wagen, die in früheren Zeiten unter großem Hof durch die Straßen geführt wurden. Der Blick durch die Bögen führt auf den Innenhof, der in Art eines bescheidenen französischen Gartens gestaltet war und wohl erfolgreich zum Spazieren einlud, bevor er verfiel...

 

 

 

 

Von der einstigen Schönheit dieses Gartens ist nicht viel geblieben. Dennoch konnte man sich ein gutes Bild davon machen, wie das Leben innerhalb der Mauern wohl einmal abgelaufen sein mußte.

An jedem Wochenende sind die Kirchen gut besucht. Es ist rammelvoll. Besonders, wenn eine Hochzeit stattfindet - und die gibt es hier scheinbar am laufenden Band.

Hani, mein Chef, hatte sich zwischenzeitlich einem neuen Hobby zugewandt und sich eine E-Gitarre zugelegt. Einen Tag vor dem Ausflug nach Makati sass ich bis spät in die Nacht mit ihm über der Dokumentation, als er sich plötzlich die Gitarre umschnallte und anfing, loszurocken. Naja, er spielte ein paar Akkorde und kramte dann die Lehrbücher hervor, um daraus ein paar Stücke zu spielen. Ging auch ganz gut. Er spielte auch einen grossen Teil eines wirklich (!) guten Titels, den er und ein Freund damals in Australien zusammen geschrieben hatte. Sie bekamen wohl die Gelegenheit, das Ganze auch professionell aufzunehmen, da ein Tonstudio in der Nähe sich gerade neu eingerichtet hatte und ohnehin ein paar Tester brauchte. Leider hat Hani allerdings seine Kopien verloren. Wirklich schade, der Titel war echt nicht schlecht! Als ich ihm jedoch vorschlug, dass wir, statt SCALE zu verkaufen, lieber eine Band gründen sollten und einige passende Namen in den Raum warf, meinte er, der einzige Name, der zu unserer Band passen würde, wäre "Ban(ne)d from the hotel". Und damit hatte er wahrscheinlich Recht.

Nun war ich schon seit fast drei Monaten in Manila. Das Projekt kam gut voran und begann langsam greifbare Form anzunehmen. Agnes und Grace fügten die letzten Änderungen in SCALE ein und bekämpften tapfer vorhandene Bugs, Apichai machte... irgendwas... in Excel und Daniel düste in der Weltgeschichte herum und liess es sich gut gehen.

Gearbeitet wurde oft bis weit in die Nacht und an manchen Tagen lagen die Nerven schon recht blank. Dann stellte auch keiner mehr Fragen und das einzige Motto war: Just do it!

Nicht mehr lange, und die Hauptniederlassung der Bank würde auf das neue System umgestellt. Vorher mußten allerdings noch die Trainings und das Pilotprojekt durchgeführt werden...

Ansonsten gibt es aus dem Office nicht viel zu berichten, ausser dass unsere UPS spinnt und ständig anfängt, wild herumzufiepen. Wobei das noch erträglich ist. Des öfteren brummt und rumpelt sie auch einfach nur herum, klickt und klackert wahllos durch die Gegend und vermittelt einem recht erfolgreich das Gefühl, dass sie einem in der nächsten Sekunde um die Ohren zu fliegen gedenkt. Naja, zumindest kann nicht jeder von sich behaupten, von einer UPS gesprengt worden zu sein.

Einmal pro Woche machte sich ein Teil des Teams daran, ein Abendessen für die ganze Mannschaft zu kochen. Und so kam die Reihe auch an uns - Hani, meinen Chef (siehe Bild) und mich.

Nach langer eingehender Beratung stellten wir fünf Minuten später den Menüplan zusammen. Das Dinner verlief sehr erfolgreich. Der erste Gang bestand aus einer Kartoffelcreme-Suppe, die von mir und Campbell kreiiert wurde, gefolgt von gefüllten Paprikaschoten und frittiertem Reis mit Rindfleisch. Als Beilage gab es gemischtes Gemüse und Streifen von fritiertem Schweinefleisch, vorher eingelegt in eine Soja-Honig-Sauce. Aus naheliegendem Grund trugen sie den Namen "Hani's Chicken". Als Dessert gab es glasierte Birnen mit Mandelsplittern. Alles kam recht gut an, die Reste wurden an Freiwillige Opfer verteilt und mit nach Hause genommen.

Die Zeitungen sind voll von der Entführung deutscher Touristen. Und jetzt hatten sie noch einen weiteren Deutschen entführt. Die Regierung hier kam irgendwie nicht so richtig aus dem Knick.

Und wo wir gerade bei Politik sind: Die Schaben im Hotel schienen irgendwie dazu zu lernen. Jedesmal, wenn ich die Temperatur im Zimmer auf nur wenig mehr als 23 Grad einstellte, um dem sicheren Kältetod zu entgehen, wählten sie irgendwo in ihrem Versteck den standhaftesten ihrer Kumpane und schickten den armen Kerl heraus, um die Gegend zu erkunden. Und diese Späher-Schaben wurden mit jedem Mal hartnäckiger. Ging die Erste noch bei einem kurzen Sprüher aus der Insekt-O-Kill-Dose über den Jordan, brauchte die nächste schon eine ganze Weile, bis sie endlich den Geist aufgab. Bei meiner letzte Begegnung der kriechenden Art hatte die Sprühdose so gut wie keinen Effekt, ausser dass die Schabe ziemlich eingeweicht gewesen sein musste. Selbst als das Tier nach kurzer, aber herzlicher Bekanntschaft mit meinem Schuh in zahlreichen Einzelteilen verstreut auf dem Teppich lag, versuchte das pflichtbewusstetste unter ihnen immernoch, zurückzukriechen, um Meldung zu machen. Hat irgendwie schon was leicht Gruseliges. Wenn diese "Evolution" so weitergeht, rechnete ich mir aus, dürften die kleinen Biester spätestens Mitte Juli voll gepanzert, mit schwerer Artillerie und stabilem Kommunikationsnetz anrücken. Ich hoffte nur, bis dahin in einem anderen Zimmer zu wohnen. In einem anderen Hotel. In einer anderen Stadt.

Post

Hier in Manila wird sogar die Post zwischen den einzelnen Postämtern per Jeepney ausgeliefert. Wie ich zu dieser erstaunlichen Erkenntnis komme? Passt auf... Ich hatte einigen Krimskrams zu Hause vergessen und deshalb meine Mutter gebeten, ob sie nicht mal in meinem ganz persönlichen Chaos nachsehen könne, ob sie die Sachen fände. Das tat sie dann auch und schon am nächsten Tag war das Päckchen unterwegs nach Manila. Da sie es per Euro-Express schickte, dauerte es auch nur 8 Wochen bis es hier ankam. Hätte sie nicht die Luftpost genommen, wäre es wahrscheinlich schneller gewesen, hätte sie es selbst zu Fuss hergetragen.

Das Paket kam allerdings nicht im Hotel an, sondern ich bekam lediglich eine Nachricht von der Post, auf der allerdings weder das Postamt, geschweige denn dessen Adresse vermerkt war. Schliesslich ist man ja Tourist und so soll auch ein wenig der Entdeckergeist geweckt werden, dachte sich wohl der örtliche Postminister. Versuchsweise machte ich mich auf zum lokalen Postamt gleich um die Ecke, das genau so aussah, wie Postämter halt vor hundert Jahren so aussahen und dort sagte mir der freundliche Schalterbeamte, dass ich zum Hauptpostamt müsse, da Pakete nur dort ausgeliefert werden. Damit reichte er meinen Schnipsel an eine junge Dame von knapp 50 Jahren weiter, die hinten auf einer Bank sass und wartete. "Sie kommt vom Hauptpostamt", teilte mir der Beamte mit und winkte mich in den Schalterraum.

Die junge Frau fragte mich, ob ich denn wisse, wo das Hauptpostamt sei, was ich verneinte. Nach einigem Grübeln sagte sie dann, dass sie sowieso dorthin unterwegs sei und ob ich nicht mitkommen wolle. Da es scheinbar nicht weit war (15 Minuten, bzw. 1 Stunde bei Manila-Verkehr), stimmte ich zu und wartete eine Runde mit. Die Kollegin der jungen Frau, die Bea hiess, war wohl noch mit irgend etwas beschäftigt und so dauerte es noch etwas, bis mein Trip zur Hauptpost beginnen konnte. Schliesslich kam die Kollegin. Diese war zwar wesentlich jünger als Bea, aber dafür ein Kerl, was bei näherer Betrachtung recht offensichtlich wurde. Gemeinsam fröhnte man eine Weile einem unterhaltsamen Chitchat, in dessen Verlauf ich über den familiären Hintergrund von Bea informiert wurde.

Scheinbar hat jeder hier in Manila mindestens einen Verwandten in Deutschland. Auch Bea machte da keine Ausnahme. Ihre Schwester hatte einen Deutschen nahmens Vanheuren (oder so) geheiratet und lebte nun irgendwo in Kleinhinterpfutzingen, einem winzigen Ort, von dem wahrscheinlich noch nicht einmal die Nachbarn wissen, dass er existiert. Selbst ihre Schwester langweilte sich dort zu Tode und das will schon was heißen. Bea machte große Augen, als ich ihr bedauernd mitteilen musste, dass ich diesen Ort nicht kenne. Also sagte sie mir den Namen noch drei oder viermal, ganz langsam und kramte zu guter Letzt ihr Adressbuch heraus, um zu beweisen, dass sie auch wirklich die Wahrheit sprach. Half mir allerdings trotzdem nicht auf die Sprünge - immerhin hat Deutschland mehr als nur einen Ort, auf den die Bezeichnung "klein" zutreffend wäre. Und wie soll man die alle kennen?! Dann kam die obligatorische Frage, ob ich verheiratet sei, was ich verneinte. Erst eine Sekunde später fiel mir ein, daß dies wahrscheinlich nicht sonderlich clever war, als ich den netten Transvestiten freundlich zwinkern sah.

Nun, schliesslich hatten sie ihren Auftrag (die Auslieferung von Briefen) beendet, und wir machten uns auf den Weg. Irgendwie hatte ich eine Art... Postauto oder sowas erwartet, aber da hatte ich die Rechnung ohne die philippinische Post gemacht. Bea fragte, ob ich etwas dagegen hätte, ein Jeepney zu nehmen.

Glücklicherweise waren alle vorbeifahrenden Jeepneys besetzt, so dass ich ein Taxi heranwinkte. In selbigem ging der fröhliche Plausch weiter und die Fahrt verlief für alle Parteien sehr unterhaltsam. Als wir an der Hauptpost ankamen (die seltsamerweise auffällig kleiner war als das Postamt von dem wir gerade kamen), wusste ich alles über Bea, ihren 14-jährigen Neffen, der kein Wort Tagalog spricht, die korrupte philippinische Politik und den Grund dafür, daß es im Postamt keine Klimaanlage gabe, sowie die Tatsache, daß sie das deutsche Wort "Schwein" fast fehlerfrei aussprechen konnte. Mein Paketschnipsel setzte seine kleine Rundreise im Hauptpostamt fort, während ich mich in das kleine Büro setzen und warten sollte. Nach einigen Minuten verwandelte er sich schliesslich wundersamerweise in mein Päckchen.

Ich hatte das Taxi draussen vor der Tür warten lassen und konnte so meine Rückreise nach einigem Händeschütteln, Winken und dem Versprechen bald zu schreiben, wenn ich wieder in Deutschland sei, fortsetzen.

In dem Augenblick, als das Taxi losfuhr, taten das dann wohl auch alle anderen Fahrzeuge in Manila und gemeinsam verwandelten sie die Strassen in massive Blöcke aus Blech und Abgasen. Die Rückfahrt zur Bank dauerte bestimmt dreimal solange, wie die Fahrt zum Postamt und als ich schliesslich zwei Stunden nach meinem Aufbruch schwitzend aber glücklich ins Büro stürmte, erwartete mich dort ein ungeduldig dreinblickender Hani. Ich weiss garnicht, warum er sich so hatte. Schliesslich war ich nur schnell mein Paket von der Post holen...

So stressgeladen die Arbeit im Büro war, so angenehm verliefen meist die Abende. Es sei denn, wir arbeiteten bis in die Nacht, was dann natürlich weniger erfreulich war. Jedes unserer Hotelzimmer besaß eine eigene Küche, die, voll ausgestattet, zum Kochen einlud. So mancher Abend wurde dementsprechend mit Schlemmereien im kleinen Kreis verbracht.

Im August ging es dann schließlich dem Ende zu und ich ging, um mir mein Ticket zu besorgen. Die Tür dieses Amex-Reisebüros hat das nicht überlebt. "Drücken", stand dran. Und das hab' ich getan. Allerdings war die Tür verklemmt und wollte nicht so recht. Den ermutigenden Gesten einer Kundin im Inneren des Ladens folgend, drückte ich noch einmal kräftiger und hatte schließlich zwei Türen in der Hand - einen oberen und einen unteren Teil.

Zum Abschied wurde ich vom Team eingeladen, die "singenden Köche" zu bestaunen. Die Köche waren zwar Kellner, aber singen konnten sie trotzdem. Bedauerlicherweise konnte es sich Agnes nicht verkneifen, sie an unseren Tisch zu winken. Ihr Versuch sie davon zu überzeugen, ich hätte Geburtstag, schlug allerdings fehl. Fröhlich posierte man noch einmal für ein letztes Gruppenbild, bevor am nächsten Tag mein Flieger ging.

ENDE

Sebastian Klammer im Jahr 2000


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